Oeuvres Ouvertes

depuis 2000

Lectures de Novalis

compte-rendus parus dans la revue universitaire allemande Germanistik

Johanna Geyer-Kordesch, Pietismus, Medizin und Aufklärung in Preußen im 18. Jahrhundert, Niemeyer, 2000

Das vorliegende Buch analysiert die Wechselbeziehung zwischen Pietismus, einer religiösen Bewegung, die in der Entwicklung des Wissens eine große Rolle gespielt hat und der Bewegung der Aufklärung, die sich mit den aufkommenden Naturwissenschaften verbündete. Beide historischen Strömungen des 18. Jahrhunderts wurden in der Wissenschaftsgeschichte bislang polarisiert und getrennt. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung steht der Mediziner Georg Ernst Stahl, der durch seinen engen Kontakt mit den Pietisten in Halle und eine persönliche Philosophie im Kampf gegen den Körper-Seele Dualismus der Aufklärung, eine Erneuerung der Medizin in Deutschland in Gang gesetzt hat. Auch für die Literaturwissenschaft ist das Buch von großer Bedeutung. Es zeigt, dass die verschiedenen Disziplinen – wie Theologie, Medizin und Philosophie – im 18. Jahrhundert nicht zu trennen waren, und öffnet neue Perspektiven auf verschiedene philosophische und literarische Persönlichkeiten, die sich mit dem Verhältnis zwischen Pietismus und Medizin auseinandergesetzt haben. Novalis und die Romantiker, aber auch Schelling und Kant, wussten über die Rolle des Pietismus innerhalb der wissenschaftlichen Debatte und kannten die Werke von Stahl. Anhand präziser historischer Kenntnisse über Wissenschaft und Religion ermöglicht das Buch von Johanna Geyer-Kordesch eine Wiederentdeckung der philosophischen Welt im Jahrhundert der Aufklärung.

Johanna J.S. Aulich, Orphische Weltanschauung der Antike und ihr Erbe bei den Dichtern Nietzsche, Hölderlin, Novalis und Rilke, Verlag Peter Lang, 1998

In seiner Studie Der kommende Gott hatte Manfred Frank das Wiederauftauchen der Figur des Dionysos in der romantischen Dichtung und bei Hölderlin untersucht und dabei aufgezeigt, durch welche philosophische Fragenstellung diese Rückkehr bedingt wurde. Hier dagegen versucht der Autor das Auftreten von Orpheus oder orphischen Themen im Werk von Nietzsche, Hölderlin, Novalis und Rilke zu untersuchen. Nach einer Darstellung der Geschichte des Mythos und des historischen Schicksals der Orphik wird gezeigt, dass Nietzsche der erste moderne Denker ist, der die Bedeutung dieser Denkströmung für die Moderne erkannt hat. « Es ist äußerst schwierig, bemerkt Johanna J.S. Auslich jedoch treffend, „das Material der Orphik mit ihren diffusflüssigen Charakteristika und Fakten geschichtlich sowie sachlich zu isolieren“ (S.19). Hat man hinter Orpheus also die gesamte Orphik, d.h. sowohl bei Empedokles als auch im Christentum und all ihren so unterschiedlichen wie zahlreichen neuen Erscheinungsformen in der Kultur zu sehen ? Die Orphik an sich ist nach wie vor schwer zu fassen, wie das erste Kapitel beweist, worin die „wesentlichen Aspekte“ in einer solchen Fülle zusammengetragen werden, dass die Untersuchung am Ende den Orpheus-Mythos selbst aus dem Blick verliert, der in Wirklichkeit aber das Zentrum der modernen Dichtung bildet. Die Schwierigkeit der Aufgabe lässt sich noch besser ermessen, wenn man weiß, dass Dichter wie Hölderlin oder Novalis aufgrund ihrer Kenntnis der griechischen Klassiker Zugang zu zahlreichen Quellen hatten. Das vorliegende Werk versucht also die verschiedenen Ansichten über die Orphik sowie ihre Rezeption in der deutschen Literatur zu verfolgen und widmet sich dabei besonders eingehend dem Werk von Rilke und Novalis, in deren Dichtung die Figur des Orpheus die zentrale Rolle spielt. Für sie müssen nämlich, wie der Autor aufzeigt, die durch den Mythos vermittelten Werte (etwa der durch die Musik und die Kunst vermittelte Sinn der irdischen Harmonie) in unserer Zeit wieder neu in Erscheinung treten, um der geistigen Verarmung der Zeit und dem modernen Individualimus entgegenzuwirken, und so erweist sich die Orphik als Ausgangspunkt ihrer Dichtung.

Andreas Barth, Inverse Verkehrung der Reflexion. Ironische Textverfahren bei Friedrich Schlegel und Novalis, Heidelberg, C.Winter, 2001

Das Buch von Andreas Barth stützt sich auf Manfred Franks Analysen der deutschen Frühromantik, insbesondere die Fichte-Studien von Novalis. In diesen Analysen untersucht Frank den hohen Stellenwert des spekulativen Denkens der Romantik in seinem Verhältnis zum Idealismus und zeigt dabei die Bedeutung der Konzepte wie intellektuelle Anschauung oder ordo inversus auf. Barth macht es sich zur Aufgabe, die philosophischen und literarischen Felder der ersten Romantik (Schelling und die Theorie der Kunst, die romantische Ironie bei Friedrich Schlegel und Novalis) zu sondieren, indem er zunächst die Prämissen bei Kant, Reinhold und Fichte herausarbeitet. Zu diesem ersten Teil schreibt der Autor unter anderem : "Der Anspruch dieses einleitenden Teils der Arbeit ist es dabei nicht, grundlegende neue Forschungsergebnisse in die gegenwärtige Diskussion einzubringen, sondern [er] besteht darin, vermittels einer gedrängten, pointierten Analyse überhaupt den ’roten Faden’ aufzuzeigen, der einsichtig machen kann, dass und auf welche Weise Kants Bestimmungen zum Selbstbewusstsein ein unmittelbares Echo in den frühromantischen Spekulationen Friedrich Schlegels und Novalis’ finden". Damit wird die Ironie als Teil der Gesamtproblematik der Epoche zugeordnet, die das Bewusstsein zu einem Bild des Seyns im Seyn macht, so dass dieses Bild nicht die Grundlage des Wissens sein kann, da es seine Existenz einer unbekannten Quelle verdankt. Im Anschluss daran analysiert der Autor, ausgehend von Kant bis hin zu Heidegger, die Konsequenz, die sich aus dieser romantischen Philosophie für die Kunst ergibt – er nennt sie eine "epistemische Aufwertung des Ästhetischen" –, und untersucht dabei die "Interferenzerscheinungen" zwischen dem Erkenntnisvermögen und dem subjektiven Gefühl von "Lust" oder "Unlust" beim Herantreten an das Kunstwerk.

Jürgen Daiber, Experimentalphysik des Geistes, Novalis und das romantische Experiment, Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen 2001

Das vorliegende Buch geht von der These aus, dass « eine explizite Beziehung zwischen dem Experimentbegriff in seiner fachwissenschaftlichen Verwendung und seinem Auftreten in spezifischen Formen der Literatur » (S.12) existiert. Trotz aller Unterschiede zwischen dem naturwissenschaftlichen und dem literarischen Experiment rekurriert der Verfasser auf das von dem Physiker Ernst Mach entwickelte Konzept des Gedankenexperiments, weil « sowohl der wissenschaftliche als auch der poetische Gedankenexperimentator (...) zu neuen Entdeckungen gelangen » (S.23). Dieses Buch ist Novalis gewidmet und zwar wegen seiner Ausbildung als Salinenassessor und seiner bemerkenswerten Erfahrung als Wissenschaftler. Im Allgemeinen Brouillon schreibt Novalis : « Experimentieren mit Bildern und Begriffen im Vorstellungsvermögen ganz auf einer dem physikalischen Experimentieren analogen Weise ». Ziel der Studie ist also herauszufinden, ob eine Übertragung naturwissenschaftlicher Experimentaltechnik in der Dichtung von Novalis zu finden ist. Im ersten Kapitel werden zunächst die wissenschaftliche Ausbildung des Dichters und sein Verhältnis zur Auffassung des Experiments bei Kant, Schelling und Ritter vorgestellt. Anhand der Notizen des Allgemeinen Brouillons, der Freiberger naturwissenschaftlichen Studien und der (noch nicht erschienenen) Salinenschriften wird im zweiten Kapitel untersucht, inwieweit das Experiment aus einer engen naturwissenschaftlichen Funktion herausgelöst wird. Neben chemischen Experimenten und im Rahmen seiner Entdeckung des Galvanismus transformiert Novalis die methodischen Verfahrensbestandteile der Mischung und der Kette zu « Gedankenfiguren einer inneren Experimentation » (S.167), und entwickelt eine « Experimentalphysik des Geistes » (so Friedrich Schlegel im Athenäum), die sowohl auf mineralogischen Studien als auch auf philosophischen Lektüren (Kant und Fichte) beruht. Im dritten und vierten Kapitel werden zwei Prosawerke von Novalis, Die Lehrlinge zu Sais und Heinrich von Ofterdingen, anhand seiner Konzeption des Experiments analysiert. Die im Märchen erträumte « experimentelle Konstruktion der Einheit von Natur und Geist » erscheint bald im Roman als eine « Approximation an das Unendliche », wo die Rittersche galvanische Kette eine große Rolle spielt. Es sei darauf hingewiesen, dass ein aufschlussreicher Anhang des Buches einer historischen Entwicklung des Experiments von der Antike bis Newton gewidmet ist.

Sophia Vietor, Astralis von Novalis, Handschrift - Text - Werk, Königshausen & Neumann, 2001

Das Manuskript des Gedichts Astralis von Novalis galt seit 1936 als verschollen. Die Autorin des vorliegenden Buchs entdeckte die Handschrift, – sie gehörte zur Autographensammlung Stefan Zweigs –, in der British Library in London wieder und konnte sich nun mit dem Gedicht als « Schlüsseltext des Romans Heinrich von Ofterdingen » neu befassen (Astralis eröffnet das zweite Kapitel des Romans). Im ersten Teil ihrer Untersuchung konzentriert sich die Autorin hauptsächlich auf die Entstehung des Heinrich von Ofterdingen II.Teil und auf die Überlieferungsgeschichte der Handschrift von Astralis. Am Ende dieses Teils wird die Druckgeschichte des Gedichts anhand einer Tabelle dargestellt, die Handschrift wird detailliert beschrieben (das Buch enthält ein Faksimile). Die Handschrift kann als Zeugnis einer romantischen Dialektik zwischen Vollendung und Unendlichkeit des Schreibprozesses verstanden werden. Danach wendet sich die Autorin dem Text des Gedichts zu und beginnt zunächst mit seiner linearen Transkription. Der Schreibprozess und die Korrekturschichten werden eingehend analysiert, die Druckfassung wird ausführlich vorgestellt. Der dritte Teil befasst sich mit dem Werk an sich, d.h. mit seiner Interpretation im Kontext des gesamten Romanprojekts. Herkunft und Bedeutung von wichtigen Begriffen wie der Titel des zweiten Teils des Romans, Die Erfüllung, oder das Wort « Genius » (erster Titel des Gedichts Astralis) werden in ihrem Bezug zur Theosophie des Paracelsus oder Jakob Böhmes beschrieben. Die Autorin interpretiert das Gedicht in seinen vielfältigen Beziehungen zum Heinrich von Ofterdingen sowie zum Gesamtwerk von Novalis, untersucht dabei aber auch das weitere geistesgeschichtliche Umfeld. Abschließend folgt nach einer Gesamtdarstellung des Gedichts (Aufbau, Wortschatz, Stimmungen, Versarten, Thematik) eine sehr ausführliche Interpretation jedes Verses für sich.

Yihong Hu, Unterwegs zum Roman : Novalis’ Werdegang als Übergang von der Philosophie zur Poesie, Schöningh Paderborn, 2007

In der vorliegenden Studie widmet sich der Verfasser dem Übergang Novalis’ von der Philosophie zur romantischen Romantheorie. Im ersten Teil seiner Arbeit konzentriert er sich auf die Philosophie Fichtes, die in der gedanklichen Entwicklung Novalis’ eine groβe Rolle gespielt hat. Aus dieser Auseinandersetzung mit der Fichteschen Wissenschaftslehre entwickelt Novalis eine Zeichen- und Sprachtheorie, die für seine Romantheorie von groβer Bedeutung ist. Das Ich ist nämlich nicht mehr wie bei Fichte „gesetzt“, sondern sprachlich bzw. zeichenhaft vermittelt. Im Gegensatz zu Fichte geht Novalis von der Darstellungsmöglichkeit des Absoluten aus. Während die Philosophie daran scheitert, das Absolute darzustellen, wird die Poesie „als komplementäres Instrument der Philosophie“ fungieren, so der Verfasser. Nach dieser Auseinandersetzung mit der philosophischen Entwicklung des Dichters wird eine überzeugende Verbindung zwischen dieser ersten Phase und die Frage des Romans in der Frühromantik aufgezeigt. Dem Verfasser gelingt es sowohl in einem theoretischen Kapitel über die romantische Auffassung des Romans als auch in einer detaillierten Auseinandersetzung mit Heinrich von Ofterdingen zu zeigen, inwiefern die philosophischen und wissenschaftlichen Studien Novalis’ in die Niederschrift eines Romans logischer Weise münden sollten, indem die romantische „approximative Darstellung des Unendlichen“ von einer neuen Form („symbolische Construction“ genannt) abhing.

Mads Nygaard Folkmann, Figurationen des Übergangs : Zur literarischen Ästhetik bei Novalis, Peter Lang International Academic Publishers, 2005

Dass philosophische Konzepte und mystische Begriffe von den Frühromantikern in den literarischen Diskurs eingeführt worden sind, ist hinlänglich bekannt. Das Absolute oder das Unbedingte jenseits unserer Wahrnehmungsfähigkeiten wurden von Novalis „literarisiert“, indem er von einer möglichen Darstellung des Undarstellbaren sprach. Deshalb ist die Thematik des vorliegenden Werks interessant, da sie versucht, auf die folgende Frage zu antworten : inwieweit kann man die Ästhetik Novalis’ als die beispielhafte Verwirklichung dieses romantischen Projekts betrachten ? Der Verfasser befasst sich mit den Werken Novalis’, in denen eine „Aufhebung des Gegebenen“ dargestellt wird, in erster Linie mit den Hymnen an die Nacht und mit dem Roman Heinrich von Ofterdingen. Der Traum und die Einbildungskraft spielen hier eine zentrale Rolle, da das Andere der realen Welt durch sie erblickt wird. Im Hinblick auf die utopische Dimension des Novalisschen Denkens werden sowohl Blanchot als auch Adorno zitiert. Beide Philosophen seien wie Novalis und die Romantiker der Überzeugung, dass die Literatur, auch wenn der utopische Horizont seit langem geschlossen bleibt, die Möglichkeit eines anderen Zustands der Welt repräsentiert.

© Laurent Margantin _ 12 décembre 2014

Un message, un commentaire ?

modération a priori

Ce forum est modéré a priori : votre contribution n’apparaîtra qu’après avoir été validée par un administrateur du site.

Qui êtes-vous ?
Votre message
  • Pour créer des paragraphes, laissez simplement des lignes vides.

  • Lien hypertexte

    (Si votre message se réfère à un article publié sur le Web, ou à une page fournissant plus d’informations, vous pouvez indiquer ci-après le titre de la page et son adresse.)