Oeuvres Ouvertes

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Blass (Das neutrale Kind) / Laurent Margantin

Version allemande d’un chapitre de L’enfant neutre (Publie.net, 2009), traduit depuis Vienne par Salka Klos - grand merci à elle.

1

Das neutrale Kind finden, außerhalb seiner selbst, neben sich selbst. Es beobachten, erforschen, analysieren. Nichts als das, keine andere Beschäftigung …

Es hat viele Gesichter, taucht in verschiedensten Situationen auf, die mit dem Alter kaum etwas zu tun haben. Manchmal entdeckt man es erstaunlicherweise in Gestalt eines Erwachsenen.

Das war mir gegeben. In einem anderen Land, in einer anderen Sprache (wenngleich die Sprache hier nichts verloren zu haben scheint).

Das war Blass, in einer fernen Stadt.

Das erste Mal habe ich Blass auf dem Bahnhof gesehen, beim Ausgang des Zeitungshändlers. Er saß auf einem der blauen Metallstühle gegenüber der Türe und guckte mit leeren Augen herum – mehrere Tage hintereinander, immer im gleichen blasslila Anorak, mit seinem abwesenden, aber doch auch wachsamen Blick, seiner grauen Hose, den auf die Schenkel gestützten Händen und dieser Kopfbewegung, von rechts nach links, dann in die andere Richtung. Der Mann wartete auf keinen Zug und schien mir auch kein Bettler zu sein.

Das war im Winter.

Eines Tages, in der Südstadt, erblickte ich ihn vor mir auf der Straße, mit einem Regenschirm in der Hand. Da auch ich jeden Tag den gleichen Weg zum Bahnhof hatte, konnte ich ihn die ganze Zeit über beobachten – dabei ging ich ganz langsam, den Blick zu Boden gerichtet. Wenn ich vor ihm am Bahnhof war, fand ich ihn jedes Mal beim Ausgang des Zeitungshändlers, wo er auf seinem blauen Metallsessel saß – immer auf dem gleichen.

Sein Gesicht war blass und alt, sein Schädel länglich, sein Blick matt und ausdruckslos, wobei er sein Zielobjekt jedoch stets in einer merkwürdigen Mischung aus Gleichgültigkeit und Wachsamkeit fixierte. An seinem krummen Rücken und der immer gleichen Kleidung konnte ich ihn auf der Straße sofort erkennen.

In den wenigen Wochen und Monaten, in denen ich ihn frühmorgens zum Bahnhof gehen und am späten Nachmittag mit dem gleichen, charakteristischen Schritt zurückkommen sah, versuchte ich mir sein Einsiedlerdasein vorzustellen. Sein Zuhause. Die genaue Umgebung, in der er lebte. Seine Gewohnheiten. Ich fragte mich, warum er jeden Tag den gleichen Ort aufsuchte, um die vorbeigehenden Menschen zu beobachten, warum er immer zu fixen Zeiten kam und ging. Seine Gesichtsfarbe ließ mich vermuten, dass er krank war, und da ich mich nicht traute, ihn anzusprechen (bestimmt aus Angst, das Geheimnis, das ihn umgab, würde verfliegen), nannte ich ihn einfach Blass.

2

Dieser Mann erschien mir zeitlos, ewig. Er spazierte durch die Straßen der Stadt wie ein gewöhnlicher Passant, verließ morgens das Haus und kam abends wieder heim, wie betraut mit einer geheimnisvollen Mission, von der Normalsterbliche nichts wussten. Wie hätte es auch anders sein können ? Blass sprach mit niemandem, und er lebte allein. Nie sah ihn mit einem anderen menschlichen Wesen. Nie sah ich ihn sprechen. Eine zeitlang war ich wie besessen von der Idee, wie seine Stimme wohl klingen mochte, ich hätte ihn so gern einige Worte sagen gehört mit dieser Stimme, die ich mir extrem tief und hohl vorstellte.

Mit seinem trüben, immer gleichen Blick beobachtete er die vorbeiströmenden Menschen, als gehöre er nicht dazu, wie auf einem Felsen sitzend. Er hatte etwas von einem Pelikan.

Ich sprach ihn nie an, obwohl es mich reizte, wie ich bereits erwähnt habe. Er schien mich nie zu sehen. Alles glitt ab an seinem hageren Gesicht, Geräusche, Ereignisse, Worte, und doch „registrierte“ er alles, als hätte seine „Arbeit“, zu der er sich mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms begab, darin bestanden, sich der Flut der Wirklichkeit zu entziehen, um besser darüber Rechenschaft ablegen zu können.

Von allen ignoriert, eine schwache, unscheinbare Silhouette, schien er im ewigen Kreislauf seiner Grübeleien zu leben – es war nicht seine Vergangenheit, über die er nachgrübelte, sondern die Fülle des Alltags, den er von hoch oben überschaute.

Ich stellte mir einen Mann vor, und Blass war dieser Mann : Er betrieb keinen Kult um die eigene Vergangenheit betrieb, brachte es daher auch nicht fertig, ununterbrochen seine Kindheit und seine Herkunft zu rekonstruieren, er hatte sich eine schwierigere Aufgabe auferlegt, nämlich, sich von jedwedem Atavismus zu befreien und die Welt mit neuen Augen zu sehen, nicht verblendet durch Fremdschilderungen, die in jeder Phase und zu jedem Zeitpunkt einer Existenz zur Qual werden.

3

Überall, wo ich gelebt habe, habe ich gesellschaftliche Außenseiter immer gern beobachtet.

Ich erinnere mich an einen Mann in Paris – ordentlicher Wettermantel, korrekt gestutzter Bart, ansehnliche Frisur –, der im Quartier Latin in den Mülltonnen kramte. Zunächst dachte ich, er suche nach Essbarem, doch dann wurde mir klar, dass er sie nach Fundstücken durchforstete. Die meiste Zeit über durchstreifte er träge und ziellos die Straßen. Monatelang sah ich ihn jeden Tag von Mülltonne zu Mülltonne ziehen, den Blicken der Passanten schenkte er keine Beachtung. Er hatte sich seine eigene Stadt geschaffen, ein Netz aus standhaften Mülltonnen : seine Rettungsinseln in einer Welt unbändiger Wogen, die um ihn herpeitschten.

Hier heißt der Treffpunkt der Ziel- und Beschäftigungslosen Sternplatz. Mit der gleichnamigen Place de l’étoile in Paris hat er nichts gemein … ein kleiner quadratischer Platz mit einigen Bäumen, um den eine gepflasterte Straße führt. Splitt auf dem Boden. Bänke. Ein Obst- und Gemüsestand. Einige spielende Kinder. An der Ecke eine Bäckerei. Gegenüber, etwas abseits, weitere Geschäfte. Ein ruhiger, heller Ort.

Der Stadtteil ist ein Arbeiterviertel, in dem sehr viele Ausländer wohnen und an dem eine Bundesstraße vorbeiführt … die sogenannte Südstadt. Auf der einen Seite, vom Bahnhof kommend, der Ortsteil, in dem alle Straßen zum Sternplatz zusammenlaufen, auf der anderen Seite, nach der Bundesstraße, ein Ortsteil, in dem noch mehr Arbeiter wohnen, gleich neben den ehemaligen französischen Kasernen. In diese Richtung geht Blass, in einer dieser Straßen wohnt oder wohnte er.

In der Gegend um den Sternplatz wurden alte Häuser abgerissen, um neuen Wohnhäusern oder Komplexen mit mittelgroßen Einfamilienhäusern Platz zu machen. Eine Gegend für gut situierte Angestellte, die in Zentrumsnähe wohnen wollen. Daneben alte Backsteinbauten, in denen ältere Menschen leben, auch einige Studentenheime, alte, oft verfallene Einfamilienhäuser, und mittendrin einige Männer und Frauen ohne Beschäftigung, die durch die Straßen spazieren, ihre Tage an diesen öffentlichen Orten verbringen und allem Anschein nach das einzige wirkliche Leben in diesem Viertel sind, in dem sich jeder hinter seinen vier Wänden verschanzt.

Die Männer, die hier die Zeit totschlagen, wie man zu sagen pflegt, die Kerle, die hier entweder allein und abgeschottet vom Rest der Welt ihre Zeitung lesen oder in der Gruppe eine Flasche Bier nach der anderen leeren, all diese Menschen haben, obwohl sie im gleichen Viertel und nur wenige Meter von ihnen entfernt wohnen, keinerlei Kontakt zu den Familien, den Paaren, den unverheirateten Angestellten einer Firma der Region, die in den neuen Wohnungen des Viertels leben und die Bettler, die Alkoholiker, die Alten nicht kennen. Sie leben in ihrer Fernsehwelt, die sie täglich an tausende Kilometer entfernte Orte entführt, doch dieses armen Leben am Rande der Gesellschaft, das sich nur wenige Meter von ihnen abspielt, geht an ihnen vorüber ! Zwei Welten, die nicht miteinander in Berührung kommen, außer vielleicht rein zufällig in den Geschäften.

Der alte Mann, der den ganzen Tag auf seiner Bank sitzt, kommt abends heim in eine Bleibe, wie ich sie mir kaum vorstellen kann, mittendrin zwischen den Familienwohnungen oder zumindest gleich ums Eck, legt sich in unmittelbarer Nähe dieser Männer und Frauen schlafen, die er niemals kennenlernen wird, die ihn kein einziges Mal auch nur grüßen werden. Eine befremdliche Situation. Fast erschütternd.

4

Ein Leben am Rande der Gesellschaft, ein Leben ohne Wissen um soziale und mentale Nachahmung : So stelle ich mir die anonyme Existenz einiger Menschen vor, denen ich hier und anderswo begegnet bin und immer noch begegne, in verschiedenen Ländern, nah und fern, Menschen, die mir zu einer neuen Wahrnehmung der Welt verhelfen oder verhelfen werden, einer Wahrnehmung, die vielleicht zumindest teilweise frei von der Konditionierung des individuellen Gedächtnisses ist.

5

Blass verschwand von der Bildfläche, zumindest habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er, der jeden Tag mit krummem Rücken und geisterhaftem Gang denselben Weg zurücklegte, er verschwand einfach ohne jede Vorwarnung.

War er an der Krankheit, die man aufgrund seiner Blässe vermutete, gestorben ? Ging er schlicht nicht mehr wie gewohnt zum Bahnhof ? Ich weiß es nicht.

Bis auf mich kümmerte es bestimmt niemanden, dass er nicht mehr da war. Wenn ich an seinem Platz am Bahnhof vorbeiging, dachte ich oft an ihn, meinte, ihn vor mir zu sehen, konkret, greifbar und doch wieder nicht. Auch als er noch da gewesen war, hatte er sich vor allem durch eine bis zum Äußersten getriebene Distanz ausgezeichnet, sodass seine Abwesenheit nur die logische Folge eines ganzen Lebens zu sein schien.

Ich sah ihn vor mir sitzen : Erst fast absorbiert von den vorbeiströmenden Menschen, dann wieder deutlich herausstechend ; einen Augenblick lang war er völlig erfüllt von der Gegenwart der Dinge und der Lebewesen, um sich unmittelbar darauf völlig aus der Wirklichkeit auszuklinken, die ihn umgab.

Ich sehe ihn in anderen Städten, an anderen Orten. Hat er sich nur die Erinnerung an flüchtig wahrgenommene Gesichter bewahrt ? Oder möchte er nun nirgendwo mehr sein, die Bande lösen, unbeteiligt bleiben am Lauf der Welt ?

Lire le texte original en français

© Laurent Margantin _ 7 juillet 2010

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