Oeuvres Ouvertes

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Comment traduire Freud ?

Georges-Arthur Goldchmidt, célèbre traducteur de Nietzsche et de Peter Handke, mais aussi et surtout écrivain dans les deux langues, l’allemand et le français, nous a donné ce texte d’une conférence présentée à Berlin en 2006. La première partie du texte est en français, la conférence elle-même ayant été donnée en allemand.

La localisation de la pensée est marquée en allemand par ce que Freud appelle Wortvorstellung qui tient une place essentielle dans la langue philosophique, toujours ramenée à une figuration concrète. Tout concept est visible, ce qui ne l’est pas en français. De cette manière tout concept allemand peut presque être dessiné. Tout repose sur une sorte d’édification visuellement sous jacente groupée autour de quelques articulations fondamentales. La préposition qui marque l’espace détermine la signification. L’ensemble des verbes est construit sur leur organisation si bien que contrairement à une idée inexpugnable en France, il n’y a guère de pensées abstraites possibles en allemand. Toute pensée est visible. La plus grande partie du vocabulaire allemand est ainsi constitué de mots dont un composant représente toujours une forme spatiale. Chez Hegel c’est tout à fait frappant : toute la langue philosophique, par exemple, est ainsi faite, et celle ci, dut-elle passer inaperçue de l’usager, qui ne s’en rend même plus compte. On aurait du mal à trouver une phrase où il n’y aurait pas au moins un préfixe ou préposition spatiale, tels auf, über, etc…. La traduction directe ne peut en rendre compte, ainsi le re de revenir (zurückommen) ou de retourner (wiederkehren) p. ex. n’implique aucune localisation spatiale, mais il se trouve que wieder et zurück indiquent l’un le retour dans temps et l’autre le retour dans l’espace. Donc dans la traduction pour faire apparaître, soit la spatialité, soit la temporalité, si je puis dire : die Wiederhohlung holt manches zurück, on ne peut le traduire que par : la répétition ramène ou fait remonter bien des choses. Mais l’allemand dit ici zurück et non pas wieder. C’est-à-dire que le retour dans l’espace conceptuel ne peut pas être marqué en français à moins d’interpréter. Et ça c’est très intéressant. Donc comment traduire Freud ? Et tout est à l’avenant. La philosophie ne peut guère échapper aux tentations qu’offre la langue allemande, à celle en particulier qui rend la laideur haïssable. La laideur, en allemand Hässlichkeit. C’est hassenswert, haïssable. C’est extrêmement curieux que la laideur qui est un mot complètement sans implication particulière donne en allemand hässlich. Il serait intéressant si, en quelque sorte, vous qui êtes des interprètes de la langue, vous vous interrogez pourquoi l’allemand dit que ce qui est laid est haïssable et pas le français.

De même le mot Böse. Le fameux « Jenseits vom Gut und Böse » de Nietzsche, en français ça donne « par delà le bien et le mal » ce qui est tout à fait gentil et inoffensif. Le « mal » français : il a mal fait, il a mal aux dents,…est tout à fait inoffensif. Böse est un mot terrible, la méchanceté. Donc on pourrait peut être traduire Nietzsche plutôt par : « par delà le bon et le méchant »

C’est dire à quel point l’essentiel passe toujours dans la traduction et ment pourtant. C’est cela qui est intéressant. L’entrée en langue est différente. On ne commence pas ses phrases de la même manière. Ayant la chance d’écrire dans les deux langues, s’il m’arrive d’avoir la même image dans la tête, je ne la commence pas en français comme je la commence en allemand. Je suppose que cette question doit se poser également dans la traduction de Freud, en français : où commencer ? Le début d’une phrase dans une langue jamais inoffensif.

Freud übersetzen oder wie dasselbe anders aussieht

Man erlaube mir da ich durch die sogenannten Ereignisse mit zum Glück zwei Seelen in einer Brust lebe mit einer persönlichen Anekdote anzufangen. Da ich eine gute Hälfte des alltäglichen Geschehens des letzten Jahrhunderts zu beiden Seiten des Rheins bei vollem Bewußtsein erlebt und nie ein Wort von Freud übersetzt habe, konnte ich ihn die ganze Zeit von vorne und von hinten, also deutsch und franzosisch mir ansehen und dabei meinen Spaß haben.

Ich war mit Clara Malraux, der Frau des Schriftstellers André Malraux sehr befreundet, einer alten sehr kleinen schnippischen, kecken und immens klugen Frau, die natürlich das ganze Jahrhundert mit erlebt hat und sehr früh nach dem Ersten Weltkrieg sich mit Freud beschäftigte, den Spanienkrieg 1936 erlebte, die an der Seite von Léon Blum und André Gide und Roger Martin du Gard und einigen anderen das Antifaschistische Komitee gründete, und mit leider nicht allzuvielen anderen, unter ihnen Joseph Breitbach, versuchte die französischen Instanzen über die drohende Gefahr des herannahenden Naziverbrechens aufzuklären, die dann am Widerstand teilnahm und nur durch Zufall den Nazihäschern entkam. Sie war nämlich eine gebürtige Goldschmidt aus Magdeburg, die sich in den Kopf gesetzt hatte wir seien unbedingt verwandt was nicht stimmt. Sie war auch eine der ersten Übersetzerin Kafkas.
Da sie einen schlechten Schlaf hatte, rief sie mich eines nachts an, es war ihr plötzlich eingefallen sie habe eine Freundin eine Psychoanalytikerin, die mich gerne kennen lernen möchte, weil ich doch als Franzose völlig zweisprachig sei und ihr vielleicht bei der Übersetzung des Freudschen Textes « die Verneinung » behilflich sein könnte, den sie gerade mit einer Gruppe von Analytikern durchzubringen versuchte. Da meine Eltern mich noch damals in Reinbek bei Hamburg vor 1938 gut erzogen haben und ich also wußte, daß man den Wunsch einer älteren Dame nicht abschlagen konnte, meldete ich mich bei der Psychoanalytikerin, trotz aller Vorbehalte, die ich schon hatte und klingelte Place Dauphine an, bekam eine Tasse Tee mit Aussicht, wer Paris ein wenig kennt, braucht sich das nur vorstellen, mit Aussicht also auf die Seine und dem Pont-Neuf auf der einen Seite und den schönen Fassaden der Place Dauphine auf der anderen.

Die Analytikerin und Psychiaterin heißt Judith Dupont und ihr ist auch das kleine Buch « Als Freud das Meer sah » gewidmet , sie ist in Frankreich die Herausgeberin und Übersetzerin des Werkes und der ganzen Korrespondenz von Sándor Ferenczi. Mit drei anderen Psychiatern und mir als studierten Esel, machten wir uns an die Arbeit, die Gruppe hatte schon 1975 eine erste Fassung erarbeitet und unsere Zweite aus dem Jahre 1985-86 die nie zustande kam, wahrscheinlich ein wenig meinetwegen. Nach drei vier Sitzungen mit Aussicht auf die abendliche rotgelb glitzernde Seine gab man mir höflichst zu verstehen meine Mitarbeit sei nicht unbedingt erwünscht, denn ich nähme es nicht ernst genug und reiße zu viel Witze und pfusche ihnen die Arbeit durch.

Und tatsächlich war die ganze Sache äußerst komisch und ein wenig unheimlich zugleich, alles erschien wie im Zerrspiegel gesehen.
Es war als liege Freud woanders. So volkstümlich er im Deutschen ist, so aristokratisch großbürgerlich im Französischen. Das Sprachniveau im Französischen wie schon gesagt, ein ganz anderes, er sitzt schriftstellerisch in der Sprache, wie viele andere Autoren seiner Zeit, das Besondere an dem was er sagt, steckt im Inhalt, im Sinn, in der Kühnheit des Denkens, nicht aber in einer besonderen, extra dafür erfundenen Sprache. Natürlich steht das dem Zugang zur Analyse scheinbar, aber natürlich nur scheinbar im Wege. Dass jedoch der Psychoanalyse in Frankreich mehr Bedeutung beigemessen wird, liegt vielleicht auch daran, dass die Texte in einer Weise durchkommen, die den Eindruck vermittelt, es stecke mehr dahinter, in dem sie schwerer zugänglich sind, sonderbar weil Freuds Sprache, die doch wenn nicht gerade leicht, doch immer harmonisch dem Duktus und dem Rhythmus des Ein- und Ausatmens der deutschen Sprache nachgebaut ist, wie es der Alte sagte : « Im Atmen sind zweierlei Gnaden Luft einziehen und sich ihrer entladen », nur daß es im Französischen überhaupt nicht funktioniert und der ein wenig spöttisch ironische und manchmal augenzwinkernde Ton Freuds immer nur gravitätisch und tierisch ernst, französisch zu Tage tritt. Dazu auch werden natürlich die sogenannten bei Freud häufig vorkommenden Fremdwörter zurücknaturalisiert, so dass man die immer wieder vorkommenden Dubletten sich nicht gegenseitig nuancieren sieht, wie Wirklichkeit und Realität z.B. Destruktion und Zerstörung oder Exempel und Beispiel und viele andere.

Lustig ist es festzustellen wenn man die beiden vergleicht, wie sie sehr sich das Französische aus dem Staube macht, sobald es Freud unterwegs irgendwie begegnet, so daß man, fast meinen könnte nicht, daß wo Es Ich werden soll, sondern wo es deutsch ist, soll es französisch nicht werden.
Die Übersetzungsschwierigkeiten sagen aber vieles über das Wesen, wenn man so sagen kann, der Sprachen aus, wieso ist z. B. der berühmte Satz Freuds „wo Es war soll Ich werden“ ja eben schier unübersetzbar ?

Jedesmal wenn es um einen sozusagen echt Freudschen Begriff geht, ist es als entweiche die französische Sprache, als wolle sie das Gemeinte aus irgend einem Grund, den es eben zu erforschen gilt, nicht durchlassen aber gerade und erst zu solchen Gelegenheiten wird die Sache wirklich interessant, und man kann sich die Frage stellen, ob nicht der Erfolg der Psychoanalyse in Frankreich seit jedenfalls Ende der Sechziger Jahre mit der unumgänglichen Schwierigkeit der Übersetzung zu tun hat. Wenn man Heine ein wenig komplizierter und verschrobener übersetzt hätte wären seine genialen Warnungen und politischen Intuitionen vielleicht ernster genommen worden und einiges hätte vielleicht vermieden werden können.
Eine Frage übrigens, die sich besonders krass im Bereich des Philosophischen stellt, wo man doch von französischer Seite aus viele unschuldige Philosophen verheideggert hat und sie mittels einer unverstandenen Sprache an der Nase herumführte und versuchte sie zu nazifizieren, denn ein paar französische snobistische Gedankenschmuggler und Gaukler haben ganze zwei Generationen mit völlig von ihnen selbst unverstandenem, verschrobenem Deutsch tyrannisiert. Nicht ganz unähnlich ist es auch im Bereich der Psychoanalyse wo auch das Wesentliche durch die Feder der Übersetzer geht.

Kein Wort bei Freud, das nicht schon vor ihm benutzt worden wäre, wenn auch mit oft anderen Akkzeptionen. Die einzigen, seltenen Wortschöpfungen Freuds kommen aus dem Französischen. Nie aber hat Freud die deutsche Sprache zum eigenen Gebrauch umgebaut, er hat sich nicht, die dann in der späteren deutschen Philosophie Gang und Gäbe gewordenen Sprachhochstaplereien erlaubt, vor denen die französischen Philosophastern baff stehen und ins Blaue hinein glotzen.
Freud ist eben ein großer Schriftsteller, indem er der Sprache nie sein Denken aufdrängt sondern versucht es allgemein verständlich zu machen, was sich nicht unbedingt in den, verschiedenen Übersetzungen niederschlägt.

Seit aber einigen Jahrzehnten ist Freud von einer gewissen Feierlichkeit, einem aristokratischen Gehabe in Frankreich und der Wolke des Erhabenen umgeben, er wandelt durch das „Heilige Viereck“ von Saint-Geramin-des-Prés, wo auf kaum einem halben Quadratkilometer alle Köpfe Frankreichs sitzen, die damals mit einigen Ausnahmen unter ihnen Marie Bonaparte oder Gide weder Ohren noch Augen hatten, als es für Freud um Tod und Leben ging und sich Europa fast mit Wollust den Hitlerbarbaren auslieferte, wie es sich jetzt gleich wollüstig anderen Barbaren ausliefert.

In dieser Beziehung hat in Frankreich die Begegnung mit der Psychoanalyse den intellektuellen, Sprachgebrauch, der sich immer mehr isoliert und von der allgemeinen Sprache abkapselt weitgehend beeinflusst und modifiziert. Die heutige Sprache der Psychoanalyse ist elitär und gravitätisch geworden, bloss nicht so reden, dass man verstanden werden könnte, immer mehr isoliert sich eine gewisse „Intelligentsia“ in einer als gehoben erachteten Sprache.

Die Zeit der Camus, Sartre oder sogar Foucault liegt anscheinend weit zurück. Denn wenn es so sehr mit den Übersetzungen hapert, dann vielleicht auch weil gerade der nötige Wortschatz schon anderweitig besetzt ist, schon so lange in Gebrauch ist, dass man nach den ersten ziemlich klassischen Überstzungen von S. Jankelevitch oder Marie Bonaparte sich in den Kopf setzte, dass eine solche Umgestaltung eine derartige Revolution des Denkens notwendigerweise sich nur durch eine ähnliche Revolution der Sprache ausdrücken liesse, so dass sich die sprachliche Lokalisierung Freuds in Frankreich immer mehr verschob.

Aber natürlich kommt der Sinn trotz allem, ungefähr heil durch ; was nach der Übersetzung im Gesträuch der Zielsprache hängen bleibt, nachdem der Dorfpolizist das Pärchen beim kleinen verbotenen Spiel überrascht hat, das sind höchstens die Kleiderfetzen, das Fleisch wie es das Deutsche so komisch sagt, wo das Französische chair sagt, hat sich durchschlängeln können aber mit Schrammen, Schrunden, vielleicht sogar Prellwunden und dunkelrot verstriemter Haut oder anders gesagt, was rund ist soll oval werden oder man soll rot verstehen was grün gemeint war aber entstellt auf jeden Fall.

Denn wie jeder schon weiss, ist jede Übersetzung eine Entstellung und eben auf Ent- wie auch auf Er- wie man weiss beruht ein ganzer Teil der Freudschen Methode, wie auch auf Ver oder Zer, es gibt bei ihm ein sehr raffiniertes und subtiles Spiel mit diesen Vorsilben, denen die Psychoanalyse bestimmt einiges verdankt, nun sind es aber gerade sie für die das Französische nichts Entsprechendes zu bieten hat, vielleicht, weil man im langen Verlauf der Geschichte der Sprache es nicht nötig war solche Nuancen herauszuarbeiten ; es wäre vielleicht, wenn es überhaupt ein sprachliches Unbewusste geben könnte interessant zu erforschen inwiefern solche Differenzen auf ein Verschweigen der Sprachen verweisen könnten auf eine fundamentale Entstellung wovon die Übersetzung als solche Zeugnis ablegen würde.

So kann es nicht ohne Konsequenzen bleiben, dass man unbedingt der Sprache weis machen will, daß man es besser kann als sie, denn da, wo das Französische sich mit Hand und Fuß dagegen wehrt hat man ihm heutzutage z.B. für „seelisch“, animique aufgedrungen und aufgedrängt, wo gerade die Seele derart beschaffen ist, daß sie auf nichts anderes ausgedehnt werden kann, als auf sich selbst, wie uns Descartes in der zweiten Meditation daran erinnert, denn genau da liegt vielleicht, wenn man eine solche These überhaupt wagen darf, die Grenze zwischen vitalistischem Heidentum und monotheistischem Kritizismus.
Dass das Französische sich kein Beiwort für Seele erschuf, führt ins intimste Wesen der Sprache. Ein Wort wie animique zielt absichtlich und eitel auf die Umgestaltung des Sprachwesens der Sprache, auf ihre erzwungene Anpassung an das Objekt. Denn es dürfte alles andere, als zufällig sein, dass das Französische nie eine Adjektiv für Seele aufgebaut hat in der langen Geschichte der Sprache, als ob es ein römisch-christliches Denkverbot gäbe, damit das rein Menschliche nicht aus den Augen verloren ginge. Jeder historische Sprachaufbau hat immer etwas anderes verdrängt und anderes hochkommen lassen.

Ob da nicht eine alte metaphysische Scham eine Rolle spielt, wie sie im XVII Jhdt entstanden ist, als eine Art noli me tangere oder wie es heisst glissez mortels, n’appuyez pas (nicht so gründlich, könnte man das entstellt übersetzen).

Umgekehrt vermag das Französische nicht den Menschen vom Mann zu unterscheiden, beide sind l’homme und entstammen wahrscheinlich der indo-europäischen (vor ganz weniger Zeit, der einige noch nachtrauern hiess es „indo-germanisch“) (!!) Wurzel mens=denken, (mens,mentis, der Geist), vielleicht aber aus phonetischen Gründen, weil gewisse Monosyllabensich nicht weiter ausarbeiten liessen.

In vielen Sprachen kann es sich um rein phonetische Probleme ohne sonstige Bedeutung handeln, wie z. B für die Geschlechter der Morpheme. Der Mond weil Wörter mit langem „o“ meistens maskulin sind und la lune vielleicht aus dem selben Grund.

Man muss immer sehr vorsichtig sein, sobald man an die vermeintlichen, „Völkerseelen“ herankommt. Jedoch ist es bemerkenswert, dass das Deutsche als vielleicht einzige Sprache Europas aus der Frau ein Neutrum macht und zwar das Weib, ein Wort das Freud als erfahrener Macho auch meistens statt Frau verwendet. und die Sache früher durch das Wort das Frauenzimmer noch unterstrichen wurde, und in Wien das Mensch gesagt wird. Hier kann es sich nicht nur um reine Lautmalerei handeln, es ist etwas anderes im Spiel, was vielleicht näher zu untersuchen wäre.

Das Weib, wie es so heisst, spielt übrigens in der deutschsprachigen Literatur öfters eine verführerische, unglücksträchtige Rolle, die wohl mit der deutschen Apokalypse zu tun hat, wie sie Klaus Vondung vor einigen Jahren schon in einem grundlegenden Buch analysierte, eine Dimension des Weltuntergangs, die in der französischen Literatur nicht da war, sich jedenfalls wenig manifestierte und wenn schon unter der Form der politischen Revolution.

Ob sich nicht die ganze analytische Literatur in Frankreich Lacan inbegriffen von dem unübertragbaren deutschsprachigen Hintergrund abhebt, anders ausgedrückt es geht so gut, weil es überhaupt nicht geht. Die verschiedenen Übersetzungen der Texte Freuds sind sich alle gleich und trotzdem verschieden, wie es sich eigentlich für jede Übersetzung gehört, nur dass es sich bei Freud eben nicht nur um Literatur handelt aber, wie immer wieder beteuert wird, um Wissenschaft, also was soll mit den Texten Freuds geschehen oder anders gefragt, reden sie nicht am lautesten, gerade da wo sie immer wieder anders oder auf unsprachliche Weise in der Zielsprache angegangen werden ?

Sind solche Variationen und Übersetzungsdifferenzen Zufälle oder nicht, stehen sie dem Verstehen im Wege oder schaffen sie ein neues, ja eben der Zielsprache angemessenes Verständnis ? Orientieren die verschiedenen Sprachen die „Rezeption“ der verschiedenen Texte, wie man heute sagt, um sie in das Klima der Zielsprache aufgehen zu lassen ? Daher warum sollte man nicht versuchen Freud nachzuerzählen oder zu adaptieren wie es im Theater heisst, da er ja im Deutschen auch ein grosser Stilist ist
Um ein altbekanntes Beispiel anzuführen, es gibt keine Übersetzung für Trieb, das entsprechende populäre Wort gibt es einfach nicht, es musste erst 1906 als „pulsion“ erfunden werden, wie es auch keine Vergänglichkeit gibt die mit der viel belachten Erfindung, ephémereté übersetzt wurde, das kein Normalbürger versteht. Dafür hat man sich, 1989 das lächerliche, fast skandalöse „désaide“ erdacht, wo es doch die schönen Wörter désemparement , détresse oder désarroi schon gab und zur gleichen Zeit hat man sich désirance ausgeheckt womit man auf verschrobene und unverständliche Weise das wundervolle „Sehnsucht“ übersetzt, ein völlig künstliches ausserhalb des Sprachgebrauchs stehendes Wort, wo doch ohne Sehnsucht das Deutsche nicht auskommen könnte, dafür gab es das wundervolle „désir“ dessen Sinn sich aber anscheinend verflüchtigt hat
Unheimlich das deutsche Lieblingswort der Französischen Analyse, übrigens oder auch Heimat und Heimweh, so wie lauschig oder gemütlich wie auch aufheben lange das Lieblingswort der französischen Philosophen, kommen beide nicht durch, deshalb sind sie auch so beliebt.

Solche Beispiele liessen sich haufenweise anführen sie sind aber nicht entscheidend und es ist immer leicht die armen Übersetzter auf den Arm zu nehmen, vor allem wenn man selber nie ein einziges Wort von Freud übersetzt hat. Viel interessanter sind die grundlegenden Verschiebungen und die sich nicht überdeckenden Begriffszonen : warum schweigt die eine Sprache da wo die andere alles sagt, die Leeren der einen aber nicht den Füllen der anderen entsprechen ?

Wenn man derart überhaupt verallgemeinern könnte, würde man sagen, dass Freud aus einer konkreten, anschaulichen Sprache kommt, wo alles visuell im Raum situiert wird mit Präpositionen wie auf und ab, mit hin und her mit Zeitwörtern wie stellen und stehen und liegen und legen Vorsilben und Zeitwörter, die es im Französischen überhaupt nicht gibt, wo sich der Leser oder Zuhörer seinen Schaurahmen selbst ohne jegliche Hinweise einrichten muss. Freud muss von einer realistischen, gegenständlichen Sprache in eine nicht abstrakte sondern rein allusive fast materienlose Sprache übertragen werden.

Freud wird aber vollkommen in Frankreich so rezipiert wie anderswo und die analytische Methode ist voll angekommen, was zeigen dürfte, dass die Übersetzungen das Wesentliche nicht verfehlen, so unrichtig manche Übersetzungen vielleicht auch sein können, vor allem wenn sie absichtlich so redigiert sind, dass der kleine Mann von nebenan, also der Philister bloss nicht mitkommt, dennoch gehen sie am Wesen des Sinns nicht vorbei.

Besonders auffällig ist die Aufteilung des Ich in zwei Teile das „Moi“ und das „Je“, Ich derjenige und ich der etwas tut, das man eigentlich grammatisch nicht isolieren kann, dazu ist das moi da. Der Schuldige bin ich sagt da Deutsche, le coupable, c’est moi, wobei ich (moi) mit der Schuld kaum was zu tun habe, da sie doch einem anderen für den man die dritte Person benutzt, zukommt.

Der zeitliche Ablauf der beiden Sprachen entwickelt sich auch anders in der selben Dauer, alles spielt sich fast in entgegengesetzter Richtung ab, schon wegen des grammatikalischen Aufbaus der beiden Sprachen, wo doch syntaktisch das Deutsche eine Sonderstellung inmitten der West-europäischen Sprachen einnimmt.

Wenn man so sagen könnte, geht das Französische viel schneller als das Deutsche, weil es viel weniger sagt und das selbe meint. Der deutsche Satz braucht mehr Zeit, es fällt ihm schwer sich selber zu überspringen, wo das Französische heute noch aus der Tradition des XVII Jhdts stammt, wo es galt so wenig wie möglich zu sagen. Man kennt die Anekdote, es geht glaube ich um Pascal, der einen nicht mehr als drei Seiten langen Brief abschloss mit der Bemerkung er habe keine Zeit gehabt sich kürzer zu fassen.

Die Psychoanalyse muß im Französischen rückwärts gehen da doch fast alles umgekehrt verläuft, le grand toit rouge und das große rote Dach, das Französische kann das Adjektiv vor oder nachstellen, Lebensgefahr und danger de mort das Französische sieht von oben z.B. was das deutsche von unten sieht, un mammifère und ein Säugetier, ein Säugling et un nourrisson (ein Ernährter). Das Deutsche dazu beschreibt, wo das Französische andeutet, Hosenträger und bretelles, Kochtopf und casserolle, Fahrkarte und billet, grand zygomatique und großer Herabzieher, accordéon und Ziehharmonika, tiroir und Schieblade oder Windhose und tornade, und noch viel beunruhigend realistischer ein Bluter und ein Mutterkuchen, wo die andere Sprache hémophile und placenta sagt, auch solche Beispiele ließen sich kiloweise anführen damit könnte man eine ganzen Mülleimer oder eine poubelle füllen.

Im Französischen dagegen kann man nicht fahren, es gibt weder leise noch laut, man kann auch nicht wissen, ob man stellt oder legt, man kann auch nicht wissen wie man überhaupt herauskommt ob zu Fuß oder im Fahrzeug : für Ausfahrt und Ausgang gibt es nur eine sortie.

So gilt es die Frage zu stellen, was ist der sprachliche Unterschied, wie lässt er sich ausserhalb der einen und in der anderen Sprache formulieren, wie kann man in der einen Sprache zeigen wie der Text in der anderen ist. Entweder sind die sprachlichen Entstellungen oder Verschiebungen unbedeutend und dann stellen sich keine Übersetzungsprobleme oder sie sind entscheidend und dann wäre zu fragen was von Freud überhaupt noch übrigbleibt, nun bleibt ja eben alles Wesentliche in der anderen Sprache enthalten trotz der Differenzen, so dass man wieder beim Anfang angelangt ist.

Das Objekt der Psychoanalyse ist gerade das was die Sprachen ankündigen, anstreifen und signalisieren aber worüber sie nichts sagen können, deshalb sind sie ja Sprachen, sie zeigen, dass sie es nicht können, dass sie mit dem Ubw nicht fertig werden. Das Unbewusste welches männlich und aktiv im Französischen ist, l’inconscient und nicht Neutrum und nicht passives Partizip, wie im Deutschen. Dazu ist auch die Frau, vor allem bei Freud wie schon gesagt ein Neutrum, Ob dieser grammatische Unterschiede die Auffassung des Begriffs beeinflusst ?
Die Umfelder decken sich nur teilweise und doch kommt es am Ende aufs selbe heraus, nur dass die Wege durch den Wald anders verlaufen, durch andere Landschaften ziehen und jeweils anders Verdrängung, Unterwerfung und willentliche Untertänigkeit vorbereiten und in die Wege leiten, denn die Sprachen sind auch im Laufe der Zeit immer perfekter gewordene Gehorsam fördernde wenn nicht fordernde Autoritätssysteme geworden.

Gibt es einen Widerstand innerhalb des sprachlichen Ausdrucks gegen gewisse Bereiche des psychischen Lebens ? sind die Sprachen Zensursysteme die gewisse Zonen abgrenzen ? So kann man sich die Frage stellen weshalb Freud im Französischen einfach nicht durchkommt und immer gestelzt und künstlich aussieht, als müsse die Kühnheit und die Neuheit des Denkens von einer kompliziert ausgeklügelten, elitären, grosstuerischen, Sprache begleitet werden. Frankreich soll übrigens das einzige Land sein, wo es noch keine einheitliche Ausgabe der Schriften Freuds gibt.

Es liegt vielleicht aber auch eine innere strukturelle Schwierigkeit vor, hinter welche schon vor dreihundert Jahren Leibniz gekommen ist in seiner Schrift Unvorgreifliche Gedanken zur Verbesserung der deutschen Sprache (1697), wo er bemerkt, dass es im damaligen deutschen Sprachbereich kein Zentrum gibt und von Wien aus die „Regel der Sprache „ wie er sagt nicht genommen werden kann, wo dagegen das Französische von Malherbe und Vaugelas neu gestaltet wurde als Organ der staatlichen Macht, welches aber auch zugleich ein Instrument der Bekämpfung und Unterwühlung der Macht mit ihren eigenen Mitteln wurde, so dass der Hof von Versailles sich, zum Glück seine eigene Aufhebung durch die Revolution erschuf.

Denn die Révolution française ist ohne die Subtilität und Erarbeitung der politischen und psychologischen Begriffe während der zwei vorangehenden Jahrhunderten nicht zu denken. Montaigne, Descartes, la Rochefoucauld oder La Bruyère und später Voltaire oder Diderot haben aus der Sprache Instrumente der persönlichen zivilen Freiheit gebildet, so dass sich ein Geist der Widerborstigkeit und der Wachsamkeit herausbildete wie sie Montesquieu und Voltaire verkörpern dessen wundervoll boshaft witziger Candide jegliche Autorität für immer untergraben hat. In den Französischen Zuständen, und der Romantischen Schule hat Heine das schon lange auf genialster Weise, mit aller nötigen Frechheit, dargestellt, nur ist im deutschen Sprachbereich seine Stimme fast die einzige gewesen, klar und deutlich genug um Zivilbewusstsein herauszubilden der aber nur Hass, Ablehnung, hasserfülltes Gegeife und stupidester Antisemitismus zu teil wurde, car toute vérité n’est pas bonne à dire.
Auch im Bereiche des Psychologischen haben Schriftsteller wie Jacques Esprit mit seinem Traktat über die Falschheit der menschlichen Tugenden und dies in der Nähe des Königs, jegliche Form der Untertänigkeit und Zugehörigkeit fast jegliche Legitimität abgesprochen und auf recht kartesianischer Weise dem Zweifel unterzogen.

La Bruyère, manchmal in verblüffender Nähe zu einer fast möglichen Entdeckung des Unbewussten ist in der Ausdeutung der menschlichen Regungen und Haltungen so weit gegangen, dass es die ganze Literatur umänderte und das Psychologische zur Kritischen Wachsamkeit, orientierte zum grössten Glück der Literatur, Zynismus und Libertinage, Atheismus und „mauvais esprit“, wie es hiess, haben die sprachliche Entwicklung entschieden geprägt. ist auch mit dem Guten und dem Bösen bestellt : le bon et le mauvais aber sicher nicht le bien et le mal und da wären wir bei dem eigentlichen Wendepunkt der beiden Sprachen. Le bien klingt anders als le bon, welches haarscharf das deutsche Gute übersetzt, wo le bien etwas Entferntes, fast Ironisches betont, man kennt doch das berühmte Stück von Nathalie Sarraute mit den verschiedenen Betonungen von „bien“ (Pour un oui, pour un non). Er ist ein guter Mensch ist eher un homme bon als ein homme de bien. Aber besonders einleuchtend wird es für le mal, welches auch etwas distanziertes hat, es ist un état de fait, eine Tatsache, eine Realität, une donnée objective, ein objektiver Tatbestand, wo das Böse Intentionalität enthält, eine Willen, daher die Präsenz der Teufelsfigur in der deutschen Vergangenheit ,man lese den Doktor Faustus und die vor langer Zeit schon von Karl-Heinz Bohrer hervorgehobene Unfähigkeit der deutschen Literatur sich mit dem Bösen auseinanderzusetzen. Wovon man nicht reden wollte wurde unter kriminellster Form verwirklicht.

Dagegen wurden im Deutschen viele Wörter wie Intimität, Perfidie, Finesse, Popularität, Passion, Infamie und etliche andere aus dem Französischen gebildet , weil das Deutsche nie Zeit hatte solche Begriffe zu gestalten vielleicht weil die sprachliche Dispersion und die Kleinstaaterei einer einheitlichen politischen Wortbildung im Wege stand.
Das Französische erfand sich einen hochspezialisierten psychologischen Wortschatz voll jouissance, contrition, équanimité usw der mit Marivaux oder Chamfort bis zur extremsten Perfektion getrieben wurde.

Zwischen Freud und den französischen Lesern steht nämlich im Hintergrund der Kommodore, der seinen riesigen Schatten über alle Übersetzungen Freuds wirft, auch wenn von ihm nie, und heute noch weniger als früher, die Rede ist und zwar Donation Alphonse-François de Sade, an dem Freud irgendwie vorbeistottert, der das Unbewusste tausender von Gymnasiasten, gerade zur Zeit, als man anfing Freud zu übersetzen, vom angehäuften Verdrängungsballast befreit hat. Nicht dass irgend jemand Sade überhaupt gelesen hätte, aber jeder kannte davon immer einige Seiten, mehr oder weniger richtig abkopiert.
Vor allem aber erlaubte Sade sich in der Phantasie von der Schuldhaftigkeit der eigenen Inszenierungen zu befreien, wenn auch meistens ungelesen, entlastete er so viele junge Leute von der Schuld, die sie bis in ihre Träume verfolgte. Jeder wusste, dass es einen gab, der das alles aufgeschrieben hatte, die wildesten Träume eines jeden und dass es sogar Privilegierte gab mit denen man nur gut zu stehen brauchte, die so etwas in der Sonderabteilung der Bibliothèque Nationale lesen durften, l’Enfer geheissen, die Hölle und es einem sogar abschrieben.
Das ganze XIX Jahrhundert lebte mit Sade und Laclos im Hintergrund, so dass der entsprechende Wortschatz schon besetzt war und man literarisch Freud einfach nicht brauchte, dafür hatte man Lautréamont und Rimbaud. Eine ständige Erregung durchzieht seit über zwei hundert Jahren die ganze Französische Literatur, eine solche vergleichbare Stimmung hatte es doch nur kurz zur Zeit der Romantik gegeben mit Eichendorff, Armin und einigen anderen, die dann leider der Frömmelei verfielen. Jegliche Anspielung auf Lust und Begehren auch die leiseste war in der deutschsprachigen Literatur des XIX Jahrhunderts doch weitaus tabu. Nicht zu vergessen auch, dass der heiterste, fröhlichste erotische Roman der deutschen Literatur, Schwester Monika von E. T. A. Hoffmann in totale Vergessenheit verdrängt wurde obgleich er schon die ganze Freudsche Thematik auf lustiger Weise witzig anstreift.

Freud hat es wahrscheinlich als Kompensierung zur Welt des Verbotenen gegeben. Es ist eigentlich sonderbar, dass die Entdeckung der grundlegenden Rolle der Sexualität im Leben des Menschen gerade zum ersten Mal so deutlich dargestellt und erforscht wurde, als sie sich in der Literatur nicht durchschlagen konnte, sich aber in der Malerei und Plastik um so deutlicher manifestieren konnte, man denke nur an Maler wie Fernand Khnoppf, Gustav Klimt unter anderen, in dieser Atmosphäre taucht plötzlich Freud auf. „Der Psychologe des Unbewussten nun, Freud ist ein echter Sohn des Jahrhunderts der Schopenhauer und Ibsen, aus dessen Mitte er entsprang“ wie es Thomäs Mann 1938 in seiner heute vergessenen doch ein wenig noch nach Archetyp und Unterwerfung unter den sogennanten Naturkräften klingenden Rede zum achtzigsten Geburtstag Freuds sagte, ein Sohn also der grossen Verdränger des Jahrhunderts, die immer die Sache umkreist haben, die ihnen in die Augen stach, die zu sehen aber verboten war.

Freud ist aus dem grossen Verschweigen entstanden, aus der Sprachlosigkeit der Gründerjahre zu welcher man versuchte alles was als unproduktiv oder unrentabel angesehen wurde unter den Tisch zu fegen.
Nicht von ungefähr hat Thomas Mann ihn als Schriftsteller und Meister der deutschen Sprache gewürdigt. Sonst hätte man ihn doch nicht 1936 gebeten seine Rede zum 80. Geburtstag Freuds zu halten,

Wir Alten haben noch in Erinnerung wie wir umgeben waren vom absolut Verbotenen, von der panischen Fixierung auf das Unanständige auf das verdrängte Sexuelle und als es dann genau so wurde, wie es Heine, man lese nur die letzten Seiten von Zur Religion und Geschichte in Deutschland oder nur Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse es beschrieben hatten, war es nämlich endgültig zu spät. `
Ihren Warnungen wurde kein Gehör geschenkt man stürzte sich lieber in die Arme der Nazis als auf das zu achten was man auf panische Weise verdrängte.

Wir wissen heute kaum noch oder wenn wir es überhaupt wissen, erleben wir es nicht mehr, aus was für einer Welt Freud entstanden ist, aus einer Welt in der Gustave Flaubert 1857 verurteilt werden sollte es aber nicht wurde, weil er eine Kutsche einen ganzen Tag durch Rouen fahren liess, in der Madame Bovary und Rodolphe faisaient l’amour wie es so schön heisst sich, oder man erinnere sich an den 191O gegen Wedekind angestrengten Prozess weil er in Frühlings Erwachen sich einen Jungen und ein Mädchen Fragen über Sexualität stellen liess, nicht zu reden von den skandalösen Homosexulatätsprozessen wie der der noch Ende der sechziger Jahre gegen einen Offizier der NATO angestrengt, von den Hinrichtungen homosexueller Adoleszenten oder ehebrüchigen Frauen im Iran ganz zu schweigen.

Man braucht nur in Stefan Zweigs grossartigem Buch „Die Welt von Gestern“ das Kapitel „Eros matutinus“ zu lesen, um die Dimension des Umbruchs zu ermessen, der von Freuds Entedeckungen ausgelöst wurde. Es war aber auch eben die Zeit des grossen Aufbruchs einer gemassregelten, umgürteten, verdrillten Jugend im Wandervogel, ein zeitgestaltendes Phänomen das ohne die allgemeine Unterdrückung der Gefühle und Regungen nicht denkbar gewesen.

Man kann heute kaum noch ermessen bis zu welchem Grad, sonst hätte Freud vielleicht nicht „Ein Kind wird geschlagen,“ geschrieben, bis zu welchem Grad die Kinder abgerichtet, gedrillt, malträtiert wurden und besonders aber nicht nur in Deutschland.

Nun war die Situation der Kinder, jedenfalls wenn man dem Geschriebenen Glauben schenken soll, in Frankreich eine ganz andere als in Deutschland, es gab keine Wandervögel, keine kollektive, Revolten gegen die Autorität der Erwachsenen, die vielleicht offener und weniger rigoros verlief .Es gab z.B. nicht den Nationalmythos des „gelben Onkels“ der doch entscheidend zur Entstehung des Nazismus beigetragen hat.

Man war voll im Viktorianismus, der doch Typen wie den unglücklichen Schreber hervorgebracht hat, eine Zeit der Verdrehung der Geister und Seelen durch bürgerlichen Positivismus unter verlogener Verkleidung religiös und positivistisch gefärbter Unterdrückung. Es war die Zeit des KKK-Reichs, der selbstmörderischen Ausweglosigkeit, die dann Europa in den unvermeidlichen Weltkrieg stürzen sollte. In „Warum Krieg“ hat Freud gezeigt, wie es auch 1939 nicht anders kommen konnte. Es war die Zeit, als man nur von oben bis unten angezogen baden konnte und in Irland, den Tischbeinen wulstige Hülsen umbunden wurden um bei den Damen keine unangemessenen Gedanken aufkommen zu lassen.

Dagegen kam in Frankreich eine alte Tradition zu ihrer vollsten Blüte und zwar die der erotischen Literatur, die während des ganzen XVIII Jahrhunderts, wie schon erwähnt, dazu beitrug die Sprache immer mehr zu verfeinern und zu befreien, Choderlos de Laclos, Diderot oder Andréa de Nerciat, Fougeret de Monbron, Charles Pinot Duclos oder wie sie alle heissen gehören in dieser Beziehung zu den grossen Auslösern des Sittenwandels zur Zeit kurz vor der Revolution.

Wenn auch die Libertinage einzig Sache der Aristokratie war an der das Volk keineswegs teilnehmen konnte, so deckte dennoch ihre schriftliche Formulierung und deren Verbreitung weite Tabuzonen auf, die dann leider von der Revolution überdeckt wurden, sich in ihr in umgekehrter Richtung manifestierten und zwar unter der Form politischer Gewalt deren sexueller Charakter, wie er sich im Laufe des XIX Jhdts so überdeutlich zeigte, dann im folgenden Jahrhundert als absolutes Verbrechen unter der Gestalt des Nazismus explodierte.

Nun wird man sagen was hat denn das alles mit Freud zu tun ? Mit Freud vielleicht recht wenig mit seiner Rezeption in Frankreich viel und daher wieder mit Freud doch einiges.
Heute sehen wir unter unseren eigenen Augen wie in den kommunautaristischen sogennanten Religionsgemeinschaften wieder Verbot der Sexualität, also intellektuelle Vernebelung und obsessionnelle Fixierung wieder mit Denkverbot Hand in Hand gehen.
Freud hat in einem ganz besonderen Bereich der Wissenschaften etwas entdeckt, was man sich von der Poesie der Literatur und der Kunst erhoffte, so ist vielleicht die Psychoanalyse tatsächlich, als eine fundamentale Revolution und Eröffnung ganz im Sinn der Aufklärung zu verstehen : was Freud den Zuyderzee trocken legen nennt, meint das selbe wenn Rimbaud versuchte de donner un sens nouveau aux mots de la tribu, den Worten der Horde einen neuen Sinn zu verleihen, kaum dreissig Jahre vor Freuds ersten Schriften, der vielleicht auch ahnte was Heine so deutlich formuliert hat, das endgültige Ende einer gewissen Form der Zivilisation die es so bald auf Erden nicht wieder geben wird.

Es ist als ob das Französische das Wesentliche immer verdecke, damit es nicht entborgen werde, damit aber auch die Heiligkeit eines jeden, dessen Unversehrtheit, seine Unangegangenheit nicht verloren ginge und die Staatsmacht letztendlich gegen das Individuum ohnmächtig bleibe. Im Deutschen spricht Freud seine Leser direkt an. Durch das noli me tangere der französischen Sprache wird immer eine Distanz bewahrt, die Dinge bleiben auf Distanz, so dass Freud ein wenig am Horizont der Sprache steht, wie der Komtur im Don Juan.

Nicht er aber bedroht die Freiheit des Denkens als vielmehr das schwarze Kleid und der lange Bart der religiösen Vernebelungen als politische Verallgemeinergung der Denkverbote. Es kommt nämlich wieder die Zeit der Richter und Henker.

© Georges-Arthur Goldschmidt _ 22 décembre 2009

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