Œuvres ouvertes

"Ich interessiere mich beim Schreiben nicht für mich selbst"

ein Gespräch mit Ingo Schulze

Wo waren Sie im August 1989, wenn ich fragen darf ? Was für Projekte hatten Sie in dieser Zeit ?

Ich war mit meiner Freundin in Bulgarien, kurz vor der türkischen Grenze, in Achtopol am Schwarzen Meer, weiter ging es nicht. Auf der Rückfahrt durch Ungarn fiel uns eigentlich nichts Besonderes auf, erst als wir an die DDR-Grenze kamen und die Zöllner und Grenzpolizisten freundlich waren und uns nicht kontrollierten, merkten wir, dass irgendetwas nicht stimmen kann.

Ich arbeitete damals am Theater, das im Vergleich zur Universität oder gar zur Schule ein Freiraum war. Eigentlich konnten wir 1989 fast alles machen, was wir wollten. Wir hofften immer darauf, dass man uns eine Inszenierung verbietet, als hätten wir erst dann alles richtig gemacht. Aber zu diesem Verbot ist es nicht gekommen.

Das Haus und der Garten wo Adam und Evelyn in der ehemaligen DDR leben erinnern natürlich an den Garten Eden. Ich gehe davon aus, dass die DDR in Ihren Augen nie ein Paradies gewesen ist, es geht hier um persönliche Existenzen. In welcher Hinsicht war also das Leben vor dem Mauerfall besser ? Für Adam sieht es so aus, dagegen möchte Evelyn weg…

Ich habe den Weltenwechsel von 1989/1990 als einen Wechsel von Abhängigkeiten erlebt. Adam war ökonomisch völlig unabhängig, ja er konnte sich als begabter und begehrter Damenschneider sogar seine Kundinnen heraussuchen, seine Arbeit war seine Erfüllung. Was man aber nicht übersehen darf ist, dass er ein sehr kritisches Verhältnis zur DDR hat. Beispielsweise geht er nicht wählen, das war eine Widerstandsleistung, zu der sich wenige entschlossen, die sich auch die wenigsten leisten konnten. Er hofft auf Veränderungen innerhalb des Landes. Evelyn hingegen ist erst Anfang zwanzig, sie hat nichts zu verlieren, kein Haus und Grundstück, keine Stellung, keine Kunden. Sie will etwas studieren, das ihr Spaß macht, und dafür sieht sie kaum eine Chance.

Adam scheint ein sehr “einfacher” Mensch zu sein (mich wundert die Tatsache, dass er die ganze Zeit isst !), er genießt also das Leben, egal wo er lebt ; dagegen scheint Evelyn mit der Suche nach einer anderen Welt beschäftigt zu sein. Haben Sie versucht, durch diese gegensätzlichen Figuren ein Selbstporträt zu schreiben ?

Mit mir hat das nichts zu tun, jedenfalls ist mir das nicht bewusst. Ich interessiere mich beim Schreiben nicht für mich selbst. Adam ist halb Handwerker, halb Künstler, er ist realistisch, er weiß, was er zu verlieren hat. Die Sehnsucht nach etwas Anderem ist bei Evelyn diffus. Katja ist dagegen sehr entschieden. Für sie kommt der Osten nicht in Frage, sie will weg, sie weiß, was sie will. Evelyn steht zwischen Adam und ihr.

In einer sehr interessanten Vorlesung (“Tausend Geschichten sind nicht genug”) erzählen Sie, wie Sie Schriftsteller geworden sind. Dabei war es für Sie sehr wichtig, amerikanische Autoren wie Carver oder Hemingway zu lesen, um (schreiben Sie) ihre Gegenwart “zum Sprechen zu bringen”. Beim Schreiben von “Adam und Evelyn” waren anscheinend ein paar Filme (road movies) für Sie wichtig. Wie macht man das also, ein Buch zu schreiben mit “Vorbildern” aus dem Kino ? Besteht deshalb Ihr Roman hauptsächlich aus Dialogen ?

Für mich war die Short Story vor allem für ein Buch, für Simple Storys, wichtig. Im ersten Besuch, 33 Augenblicke des Glücks, bezog ich mich auf russische und sowjetische Autoren. Für Adam und Evelyn hatte ich kein Muster, kein Vorbild. Ich wollte die Geschichte des Weltenwechsels so einfach und zurückhaltend wie nur möglich erzählen. Die einzige Form der Episierung, die ich mir dabei leisten wollte, war die Verschiebung der Perspektive. Am Anfang des Buches sieht man mit Adams Augen auf die Welt, am Ende blickt man mit Evelyn auf sie. Wie komme ich von Adam zu Evelyn ? Mir war klar, dass es in der Mitte ein fifty/fifty geben müsste, also Dialoge. Als ich dann aber begann, merkte ich, was für einen ungeheuren Redebedarf die Figuren haben. Und das war ja auch tatsächlich so. So viel wie 1989/1990 haben die Menschen in Deutschland nie wieder miteinander gesprochen. Alles stand in Frage, es gab praktisch keine Selbstverständlichkeiten mehr. Sie müssen reden, wenn sie sich nicht die Köpfe einschlagen wollen oder auseinanderlaufen.

Sie wollten schon vor dem Mauerfall Schriftsteller werden. Es scheint aber, dass die deutsche Wiedervereinigung Ihre literarische Entwicklung stark bedingt hat. Stellen Sie sich manchmal die Frage, ob Sie unter anderen historischen Bedingungen Schriftsteller geworden wären, und wenn ja was Sie geschrieben hätten ?

Leider war es ja keine Vereinigung, sondern nur ein Beitritt des Ostens zum Westen. Andernfalls hätte es auch für den Westen die Chance gegeben, sich zu prüfen, sich zu reformieren. Wahrscheinlich wäre ich auch im Osten ein Schriftsteller geworden, aber natürlich ein ganz anderer, weil ja auch die Welt dann eine ganz andere gewesen wäre. Mir hat die Differenz sehr gut getan, zwei Welten zu kennen ist so, als würde man zwei Sprachen gut beherrschen, dann merkt man erst die jeweiligen Möglichkeiten und Begrenztheiten.

(entretien à paraître en français dans le prochain numéro de la Quinzaine littéraire)

© Laurent Margantin _ 18 avril 2011

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